Statistik1

Geradenmodelle 1

Sebastian Sauer

Einstieg

Lernziele

  • Sie können ein Punktmodell von einem Geradenmodell begrifflich unterscheiden.
  • Sie können die Bestandteile eines Geradenmodells aufzählen und erläutern.
  • Sie können die Güte eines Geradenmodells anhand von Kennzahlen bestimmen.
  • Sie können Geradenmodelle sowie ihre Modellgüte in R berechnen.

Vorhersagen

Was macht eine gute Vorhersage aus?

Vorhersagen sind nützlich, unter (mindestens) folgenden Voraussetzungen:

  1. Sie sind präzise.
  2. Wir wissen, wie präzise.
  3. Jemand interessiert sich für die Vorhersage.

Die Methode des Vorhersagens, die wir hier betrachten, nennt man auch lineare Regression.

Vorhersage ohne Prädiktor: Tonis Frage

Toni fragt: “Welche Statistiknote kann ich in der Klausur erwarten?” — ohne weitere Angaben.

Beste Antwort: der Notenschnitt (Mittelwert) der letzten Klausur — wir nutzen den Mittelwert als Punktmodell.

Mittelwert als Vorhersagewert, bzw. Mittelwert als Punktmodell

Mittelwert als Vorhersagewert, bzw. Mittelwert als Punktmodell

Definition: Nullmodell (Punktmodell)

Definition: Nullmodell (Punktmodell)

Modelle ohne UV, Punktmodelle also, kann man so bezeichnen: y ~ 1. Da das Modell null UV hat, nennt man es auch manchmal Nullmodell.

Auf Errisch: lm(y ~ 1, data = noten2) — der zurückgemeldete Koeffizient (Intercept) ist in diesem Fall der Mittelwert.

Toni verrät die Lernzeit

Toni: “Ich hab insgesamt 42 Stunden gelernt.” Der Trend im Streudiagramm ist deutlich zu erkennen: Je mehr Lernzeit, desto mehr Klausurpunkte.

Noten und Lernzeit: Rohdaten (a) und mit Trendgerade (b)

Geradenmodelle

Von Punktmodell zu Geradenmodell

Ein Geradenmodell ist eine Verallgemeinerung des Punktmodells: Ein Punktmodell sagt für alle Beobachtungen den gleichen Wert vorher.

In einem Geradenmodell wird nicht mehr (notwendig) für jede Beobachtung die gleiche Vorhersage \(\hat{y}\) gemacht.

Definition: Gerade

Definition: Gerade

Eine Gerade ist das, was man bekommt, wenn man eine lineare Funktion in ein Koordinatensystem einzeichnet. Man kann sie durch zwei Koeffizienten festlegen: Achsenabschnitt (engl. intercept) und Steigung (engl. slope).

Die Geradengleichung

\[ \definecolor{ycol}{RGB}{230,159,0} \definecolor{modelcol}{RGB}{86,180,233} \definecolor{errorcol}{RGB}{0,158,115} \definecolor{beta0col}{RGB}{213,94,0} \definecolor{beta1col}{RGB}{0,114,178} \definecolor{xcol}{RGB}{204,121,167} \]

In der Statistik wird folgende Nomenklatur bevorzugt: \(f(\color{xcol}{x})=\color{ycol}{\hat{y}}=\color{beta0col}{\beta_0} + \color{beta1col}{\beta_1} \color{xcol}{x}\)

Die Nomenklatur mit \(b_0, b_1\) hat den Vorteil, dass man das Modell einfach erweitern kann: \(b_2, b_3, \ldots\). Anstelle von \(b\) liest man auch oft \(\beta\).

Das “Dach” über y, \(\color{modelcol}{\hat{y}}\), drückt aus, dass es sich um den vom Modell vorhergesagten Wert handelt — nicht den tatsächlich beobachteten Wert von \(\color{ycol}{y}\).

Elemente einer Regressionsgeraden

Achsenabschnitt (\beta_0) und Steigung (\beta_1) einer Regressionsgeraden (Menk, 2014)

Achsenabschnitt (\(\beta_0\)) und Steigung (\(\beta_1\)) einer Regressionsgeraden (Menk, 2014)

Definition: Das einfache lineare Modell

Definition: Das einfache lineare Modell

Beschreibt den Wert einer abhängigen metrischen Variablen, \(\color{ycol}{y}\), als lineare Funktion von einer unabhängigen Variablen, \(\color{xcol}{x}\), plus einem Fehlerterm, \(\color{errorcol}{\epsilon}\).

\[\begin{aligned} \color{ycol}{y} &= f(\color{xcol}{x}) + \color{errorcol}{\epsilon} \\ \color{ycol}{y_i} &= \color{beta0col}{\beta_0} + \color{beta1col}{\beta_1} \cdot \color{modelcol}{x_i} + \color{errorcol}{\epsilon_i} \end{aligned}\]

  • \(\color{beta0col}{\beta_0}\): geschätzter y-Achsenabschnitt laut Modell (intercept)
  • \(\color{beta1col}{\beta_1}\): geschätzte Steigung laut Modell (slope)
  • \(\color{errorcol}{\epsilon}\): Fehler des Modells

Verschiedene Daten, verschiedene Geraden

Regressionsanalysen mit verschiedenen Koeffizienten, aber gleicher Modellgüte

Je nach Datenlage können sich Regressionsgeraden in Steigung oder Achsenabschnitt unterscheiden.

Spezifikation eines Geradenmodells

\[\color{ycol}{\hat{y}} \sim \color{xcol}{\text{x}}\]

Lies: “Laut meinem Modell ist mein vorhergesagtes \(\color{ycol}{\hat{y}}\) irgendeine Funktion von \(\color{xcol}{x}\).” Wir erinnern uns: \(\color{ycol}{AV} \sim \color{xcol}{UV}\).

In Errisch: lm(y ~ x, data = meine_daten). lm steht für “lineares Modell” — die Gerade nennt man auch Regressionsgerade.

Koeffizienten in R berechnen

lm_toni <- lm(y ~ x, data = noten2)
lm_toni

Die Regressionsgleichung lautet demnach: y_pred = 8.6 + 0.88*x.

8.6 ist der Achsenabschnitt (Wert von \(y\) bei \(x=0\)). 0.88 ist die Steigung: Für jede Stunde Lernzeit steigt der vorhergesagte Klausurerfolg um 0.88 Punkte.

Der Achsenabschnitt

Der Achsenabschnitt: Wie viele Punkte kann Toni erwarten bei 0 Lernstunden?

Der Achsenabschnitt: Wie viele Punkte kann Toni erwarten bei 0 Lernstunden?

Vorhersagefehler (Residuum)

Die Differenz zwischen vorhergesagtem Wert und tatsächlichem Wert nennt man Vorhersagefehler (error) oder Residuum:

\[\color{errorcol}{e_i} = \color{ycol}{y_i} - \color{modelcol}{\hat{y}_i}\]

Vorhersagefehler im Vergleich

Vorhersagefehler als Abweichungsbalken: Geradenmodell (a) und Punktmodell (b)

Beim Geradenmodell (lm_toni) ist die mittlere Absolutabweichung (MAE) deutlich kleiner als beim Nullmodell (lm0) — das Geradenmodell ist viel besser.

Definition: Fehlerstreuung

Definition: Fehlerstreuung

Als Fehlerstreuung bezeichnen wir die Verteilung der Abweichungen der beobachteten Werte (\(y_i\)) vom vorhergesagten Wert (\(\hat{y}_i\)).

Kenngrößen dafür: MAE oder MSE. Ein Geradenmodell ist immer besser als ein Punktmodell, solange X mit Y korreliert ist.

Berechnung der Modellkoeffizienten

Wie legt man die Regressionsgerade in das Streudiagramm? Die Koeffizienten \(\beta_0\) und \(\beta_1\) wählt man so, dass die Residuen minimal sind — genauer: die Summe der quadrierten Residuen wird minimiert.

\[\text{min}\sum_i \color{errorcol}{e_i}^2\]

\(R^2\) als Maß der Modellgüte

R² als Verringerung der Fehlerstreuung

Wir vergleichen die Fehlerstreuung (MSE) des Modells mit der Fehlerstreuung (MSE) des Nullmodells:

\[R^2 = 1 - \frac{\text{MSE}_{m}}{\text{MSE}_{m0}}\]

r2(lm_toni)

Definition: R-Quadrat

Definition: R-Quadrat

Der Anteil der Verringerung der Fehlerstreuung zwischen lm0 und dem gerade untersuchten Modell nennt man R-Quadrat (\(R^2\)). \(R^2\) ist ein Maß der Modellgüte: Je größer \(R^2\), desto besser die Vorhersage. Wertebereich: 0 bis 1. Im Nullmodell beträgt \(R^2\) per Definition Null. Für Modelle des Typs \(y \sim x\) gilt: \(R^2 = r_{xy}^2\).

Extremfälle von R²

Keine Korrelation (r=0, R^2=0) und perfekte Korrelation (r=1, R^2=1)

Je größer R-Quadrat, desto besser passt das Modell zu den Daten.

Interpretation eines Regressionsmodells

Modellgüte

Die Residuen (Vorhersagefehler) bestimmen die Modellgüte: Sind die Residuen im Schnitt groß, ist die Modellgüte gering, und umgekehrt.

Verschiedene Koeffizienten stehen zur Verfügung: \(R^2\), \(r\) (Korrelation von tatsächlichem \(y\) und vorhergesagtem \(\hat{y}\)), MSE, RMSE, MAE, …

Koeffizienten interpretieren

  • Achsenabschnitt (\(\beta_0\)) und Steigung (\(\beta_1\)) sind nur eingeschränkt zu interpretieren, wenn man die zugrundeliegenden kausalen Abhängigkeiten nicht kennt.
  • Allein aufgrund eines statistischen Zusammenhangs darf man keine kausalen Abhängigkeiten annehmen.
  • Beispiel: Bei einer Regression von Gewicht auf Körpergröße ist der Achsenabschnitt wenig nützlich — es gibt keine Menschen der Größe 0.

Die Steigung interpretieren

“Im Modell lm_toni beträgt der Regressionskoeffizient \(\beta_1 = 0{,}88\). Zwei Studentinnen, deren Lernzeit sich um eine Stunde unterscheidet, unterscheiden sich laut Modell um den Wert von \(\beta_1\).”

Vorsicht

“Effekt” klingt kausal. Ohne weitere Absicherung darf man Regressionskoeffizienten nicht kausal verstehen — besser: statistischer Effekt.

Wie man mit Statistik lügt

r vs. R²: eine nichtlineare Beziehung

Der Unterschied in Modellgüte zwischen \(r=.1\) und \(r=.2\) ist viel kleiner als zwischen \(r=.7\) und \(r=.8\) — da \(r = \sqrt{R^2}\), dürfen Unterschiede in \(r\) nicht wie Unterschiede in \(R^2\) interpretiert werden.

Der Zusammenhang von r und R-Quadrat ist nicht linear

Der Zusammenhang von r und R-Quadrat ist nicht linear

Vorsicht

Unterschiede zwischen Korrelationsdifferenzen dürfen nicht linear interpretiert werden.

Fallbeispiel Mariokart

Vorhersage des Verkaufspreises

Ziel: eine genaue Vorhersage der Verkaufspreise (total_pr) von Mariokart-Auktionen.

lm2 <- lm(total_pr ~ start_pr, data = mariokart)
r2(lm2)

Oh nein! Unterirdisch schlecht. Anstelle von bloßem Rumprobieren: Welche Variable korreliert am stärksten mit total_pr?

Ein besseres Modell: ship_pr

lm3 <- lm(total_pr ~ ship_pr, data = mariokart)
parameters(lm3)
  • Achsenabschnitt: erwarteter Verkaufspreis bei 0 Dollar Versandkosten (“Sockelbetrag”).
  • Steigung: Anstieg des erwarteten Verkaufspreises pro Dollar Versandkosten.
  • Regressionsgleichung: total_pr_pred = b0 + b1 * ship_pr

Fallstudie Immobilienpreise

Ziel: Häuserpreise vorhersagen

In dieser Fallstudie geht es darum, Immobilienpreise vorherzusagen — Datenbasis ist ein Kaggle-Wettbewerb (“House Prices”).

  • d_train: Trainingsdaten zum Modellbau (enthält SalePrice)
  • d_test: Testdaten, für die der Preis vorhergesagt werden soll

Mehrere Prädiktoren in einem Modell

mein_modell <- lm(av ~ uv1 + uv2 + ... + uv_n, data = meine_daten)

Das Pluszeichen ist hier kein arithmetischer Operator, sondern bedeutet: “nimm UV1 und UV2 und … als Prädiktoren.”

lm_immo2 <- lm(SalePrice ~ OverallQual + GrLivArea + GarageCars, data = d_train)

Modellvergleich per RMSE

  • lm_immo1: nur OverallQual als Prädiktor
  • lm_immo2: OverallQual + GrLivArea + GarageCars
  • m0: Nullmodell (nur der Mittelwert)
rmse(lm_immo1)
rmse(lm_immo2)
rmse(m0)

Ob die Modellgüte “gut” ist, beurteilt man am besten relativ — im Vergleich zu anderen Modellen.

Vom Modell zur eingereichten Prognose

lm_immo2_pred <- predict(lm_immo2, newdata = d_test)

Die Vorhersagen werden mit den Spalten Id und SalePrice als CSV-Datei eingereicht — das allgemeine Muster jeder Prognose auf neuen (unbeobachteten) Daten.

Zusammenfassung

  • Ein Geradenmodell verallgemeinert das Punktmodell: \(\hat{y} = \beta_0 + \beta_1 x\)
  • Achsenabschnitt (\(\beta_0\)) und Steigung (\(\beta_1\)) legen die Regressionsgerade fest
  • Die Koeffizienten werden per Methode der kleinsten Quadrate geschätzt — die Summe der quadrierten Residuen wird minimiert
  • misst die Verringerung der Fehlerstreuung gegenüber dem Nullmodell (Wertebereich 0–1)
  • Regressionskoeffizienten sind ohne zugrundeliegende Theorie nicht kausal interpretierbar
  • Mehrere Prädiktoren lassen sich mit + kombinieren; Modellgüte ist über RMSE/MAE/R² vergleichbar

Literaturhinweise

  • Gelman et al. (2021) — eine deutlich umfassendere Einführung in die Regressionsanalyse
  • Çetinkaya-Runde & Hardin (2021) — moderne, R-orientierte Einführung inklusive Regressionsanalyse
  • Cohen et al. (2003) — ein Klassiker mit viel Aha-Potenzial

Referenzen

Çetinkaya-Runde, M., & Hardin, J. (2021). Introduction to Modern Statistics. https://openintro-ims.netlify.app/
Cohen, J., Cohen, P., West, S. G., & Aiken, L. S. (2003). Applied Multiple Regression/Correlation Analysis for the Behavioral Sciences, 3rd Ed. Lawrence Erlbaum.
Gelman, A., Hill, J., & Vehtari, A. (2021). Regression and Other Stories. Cambridge University Press.
Menk. (2014, Juli 29). Linear Regression [Computer Code]. https://texample.net/tikz/examples/linear-regression/