Statistik1

Punktmodelle 2: Zusammenhänge

Sebastian Sauer

Einstieg

Lernziele

  • Sie können die Begriffe Kovarianz und Korrelation definieren und ihren Zusammenhang erläutern.
  • Sie können die Stärke einer Korrelation einschätzen.

Zusammenfassen zum Zusammenhang

Von einer zu zwei Spalten

Bisher haben wir eine Spalte (einen Vektor) zu einer einzelnen Zahl zusammengefasst — einem “Punkt”.

Jetzt fassen wir zwei Spalten zusammen, wieder zu einer Zahl.

Zwei Spalten werden zu einer Zahl zusammengefasst

Zwei Spalten werden zu einer Zahl zusammengefasst

Es geht um die Frage: Wie hängen zwei (metrische) Variablen zusammen?

Beispiel: wheels und total_pr

Streudiagramm mit Trendlinie (links) und verwackeltes Streudiagramm (rechts)

Abweichungsrechtecke

Beispiel: Noten und Lernzeit

Anton, Bert, Carl und Daniel haben ihre Statistikklausur zurückbekommen. Die Lernzeit \(X\) scheint mit der erreichten Punktzahl \(Y\) (0–100) zusammenzuhängen.

id y (Punkte) x (Lernzeit)
1 72 70
2 44 40
3 39 35
4 50 67

Definition: Abweichungsrechteck

Definition: Abweichungsrechteck

Im zweidimensionalen Fall spannt sich ein Abweichungsrechteck vom Mittelwert \(\bar{x}\) bis zum Messwert \(x_i\) und genauso für \(Y\). Mit \(dx_i = x_i - \bar{x}\) (analog \(dy_i\)) ist die Fläche des Abweichungsrechtecks das Produkt der Abweichungen: \(dx_i \cdot dy_i\).

Die Kovarianz als mittleres Abweichungsrechteck: Vorzeichen der Rechtecke je Quadrant

Die Kovarianz als mittleres Abweichungsrechteck: Vorzeichen der Rechtecke je Quadrant

Vom Rechteck zur Summe

Legt man alle Abweichungsrechtecke zusammen, ergibt sich ein “Summenrechteck”. Je größer seine Fläche, desto stärker der (lineare) Zusammenhang.

Das Vorzeichen der Summe zeigt an, ob der Zusammenhang positiv (gleichsinnig) oder negativ (gegensinnig) ist.

Positive Summe (links) und negative Summe (rechts) der Abweichungsrechtecke

Definition: Kovarianz

Definition: Kovarianz

Die Kovarianz ist definiert als die Fläche des mittleren Abweichungsrechtecks. Sie ist ein Maß für Stärke und Richtung des linearen Zusammenhangs zweier metrischer Variablen.

Die Kovarianz als mittleres Abweichungsrechteck

Die Kovarianz als mittleres Abweichungsrechteck

Für die Noten und Lernzeit der vier Studierenden beträgt die Kovarianz 162.

Formel der Kovarianz

\[\text{cov}(x,y) = s_{xy} := \frac{1}{n}\sum_{i=1}^n (x_i-\bar{x})(y_i-\bar{y}) = \frac{1}{n}\sum_{i=1}^n dx_i\cdot dy_i\]

In Worten:

  1. Abweichung jedes \(x_i\) vom Mittelwert \(\bar{x}\) berechnen: \(dx_i\).
  2. Abweichung jedes \(y_i\) vom Mittelwert \(\bar{y}\) berechnen: \(dy_i\).
  3. Für alle \(i\) die Abweichungsrechtecke \(dx_i \cdot dy_i\) bilden.
  4. Flächen der Abweichungsrechtecke addieren.
  5. Durch die Anzahl der Beobachtungen \(n\) teilen.

Positive und negative Kovarianz

Positive Kovarianz (Beispiele): Größe & Gewicht, Lernzeit & Klausurerfolg, Distanz zum Ziel & Reisezeit, Temperatur & Eisverkauf.

Negative Kovarianz (Beispiele): Lernzeit & Freizeit, Alter & Restlebenszeit, Temperatur & Schneemenge, Lebenszufriedenheit & Depressivität.

Extremwerte der Kovarianz

Kein Zusammenhang, perfekter positiver Zusammenhang, negativer Zusammenhang

Wann ist die Kovarianz Null?

Bei einer Kovarianz von (ungefähr) Null ist die Summe der Abweichungsrechtecke pro Quadrant (ungefähr) gleich groß.

\[\begin{aligned} \sum \left(dX \cdot dY \right) &= 0\\ \Leftrightarrow \text{MW} \left(dX \cdot dY \right) &= 0\\ \Leftrightarrow \text{cov}(X, Y) &= 0 \end{aligned}\]

4 bzw. 200 Abweichungsrechtecke, die sich zu 0 ausgleichen

Die Kovarianz ist schwer zu interpretieren

  • Sie hängt von der Skalierung ab: Rechnet man z. B. Einkommen von Euro in Cent um, steigt die Kovarianz um den Faktor 100.
  • Der Zusammenhang zwischen z. B. Einkommen und Lebenszufriedenheit sollte aber unabhängig von der Maßeinheit sein.
  • Sie hat keinen Maximalwert, der einen perfekten Zusammenhang anzeigt.

Fazit: Die Kovarianz ist schwer zu interpretieren und wird in der Praxis wenig verwendet.

Korrelation

Korrelation als mittleres z-Produkt

Der Korrelationskoeffizient \(r\) nach Karl Pearson (1896) löst das Problem der schweren Interpretierbarkeit der Kovarianz.

Wertebereich: \(-1\) (perfekte negative Korrelation) bis \(+1\) (perfekte positive Korrelation). \(r=0\) bedeutet kein linearer Zusammenhang.

So wird \(r\) berechnet:

  1. Alle \(x_i\) durch ihre Standardabweichung \(s_x\) teilen.
  2. Alle \(y_i\) durch ihre Standardabweichung \(s_y\) teilen.
  3. Mit diesen (z-transformierten) Werten die Kovarianz berechnen.

Definition: Korrelationskoeffizient \(r\)

Definition: Korrelationskoeffizient r

Der Korrelationskoeffizient \(r\) (nach Pearson) ist definiert als das mittlere Produkt der z-Wert-Paare (vgl. Cohen et al., 2003). Er misst den linearen Zusammenhang zweier metrischer Variablen; Wertebereich \([-1;1]\), wobei \(0\) keinen linearen Zusammenhang anzeigt und \(|r|=1\) perfekten linearen Zusammenhang.

\[r_{xy}=\frac{1}{n}\sum_{i=1}^n z_{x_i} z_{y_i}\]

Was sagt \(r\) aus?

  1. Vorzeichen: positiv → gleichsinniger Zusammenhang; negativ → gegensinniger Zusammenhang.
  2. Absolutwert: gibt die Stärke des linearen Zusammenhangs an — je näher an 1, desto stärker.

Korrelation ist (wie die Kovarianz) nur für metrische Variablen definiert.

Streudiagramme und Korrelationskoeffizient

Verschiedene Streudiagramme und ihr Korrelationskoeffizient (DenisBoigelot, 2011)

Verschiedene Streudiagramme und ihr Korrelationskoeffizient (DenisBoigelot, 2011)

Untere Zeile: nicht-lineare Zusammenhänge — hier ist \(r=0\), obwohl ein starker nicht-linearer Zusammenhang besteht.

Interpretation der Stärke

Grobe (!) Richtlinien nach Cohen (1988):

\(|r|\) Grobe Interpretation
0.01 – 0.09 sehr schwach
0.10 – 0.29 schwach
0.30 – 0.49 mittel
≥ 0.50 stark

Korrelation mit R berechnen

mariokart |>
  select(total_pr, duration, n_bids) |>
  correlation() |>  # aus `easystats`
  summary()
Parameter n_bids duration
total_pr 0.13 -0.04
duration -0.12

Korrelation ist nicht Kausation

Eine Studie fand eine starke Korrelation zwischen Schokoladenkonsum und Anzahl der Nobelpreise eines Landes (Messerli, 2012).

Schoki futtern macht schlau? (Messerli, 2012)

Schoki futtern macht schlau? (Messerli, 2012)

Korrelation ≠ Kausation! Liegt Korrelation ohne Kausation vor, spricht man von Scheinkorrelation.

Scheinkorrelation: Störche und Babys

Ein Mythos besagt: Die Anzahl der Störche pro Landkreis korreliert mit der Anzahl der Babys (vgl. Matthews, 2000).

Mögliche Erklärung: Die “Naturbelassenheit” des Landkreises ist gemeinsame Ursache von Storchenzahl und Geburtenzahl — eine Scheinkorrelation ohne direkte Kausalität.

Glatze macht Corona?

Männer mit Glatze bekommen häufiger einen schweren Corona-Verlauf (Goren et al., 2020).

Alternative Erklärung: Alter wirkt sowohl auf Glatze (ältere Männer häufiger kahl) als auch auf die Schwere des Corona-Verlaufs (ältere Menschen häufiger schwerer betroffen).

Wie man mit Statistik lügt

Einschränkung der Spannweite

Schränkt man den Wertebereich (die Spannweite) einer oder beider Variablen (nicht-randomisiert) ein, sinkt die Stärke (der Absolutwert) einer Korrelation (vgl. Cohen et al., 2003).

n <- 1e2
d <- tibble(x = rnorm(n = n, mean = 0, sd = 1),
            e = rnorm(n = n, mean = 0, sd = .5),
            y = x + e)

d_filtered <- d |> filter(between(x, -0.5, 0.5))

Effekt der Spannweiten-Einschränkung

Ohne Einschränkung: starke Korrelation (links); mit Einschränkung des Range: schwächere Korrelation (rechts)

Fallbeispiel

Verkaufspreis im Mariokart-Datensatz

In Ihrer Arbeit beim Online-Auktionshaus analysieren Sie, welche Variablen mit dem Verkaufspreis von Computerspielen zusammenhängen.

mariokart %>%
  dplyr::select(duration, n_bids, start_pr, ship_pr,
                total_pr, seller_rate, wheels) %>%
  cor() %>%
  round(2)

Namensverwechslung: select

Sind mehrere Pakete geladen, die je eine Funktion select enthalten, verwendet R die Funktion aus dem zuletzt geladenen Paket — das kann zu verwirrenden Fehlermeldungen führen.

Abhilfe: Paket explizit angeben, z. B. dplyr::select(...).

Korrelationstabelle (tidy)

mariokart %>%
  dplyr::select(duration, n_bids, start_pr, ship_pr,
                total_pr, seller_rate, wheels) |>
  correlation() |>
  summary()
Parameter wheels seller_rate total_pr ship_pr start_pr n_bids
duration -0.30** -0.15 -0.04 0.27* 0.13 -0.12
n_bids -0.08 -0.11 0.13 0.03 -0.63***
total_pr 0.33** 0.01

Sternchen zeigen die statistische Signifikanz der Korrelation an — ein Thema, das wir hier ignorieren.

Einzelne Korrelation & fehlende Werte

Einen einzelnen Korrelationskoeffizienten erhält man z. B. mit:

mariokart %>% summarise(korrelation = cor(total_pr, wheels))

Bei fehlenden Werten muss cor ausdrücklich dazu ermutigt werden, trotzdem zu rechnen:

mariokart %>%
  summarise(cor_super_wichtig = cor(total_pr, wheels,
                                     use = "complete.obs"))

Korrelationen als Heatmap

Heatmap zu den Korrelationen im Datensatz mariokart

Heatmap zu den Korrelationen im Datensatz mariokart

Zusammenfassung

  • Abweichungsrechteck: Fläche \(dx_i \cdot dy_i\) vom Mittelwert bis zum Messwert
  • Kovarianz: mittleres Abweichungsrechteck — misst Stärke & Richtung des linearen Zusammenhangs, aber schwer interpretierbar (skalenabhängig)
  • Korrelation \(r\): standardisierte Kovarianz (mittleres z-Produkt), Wertebereich \([-1;1]\)
  • Vorzeichen zeigt Richtung, Absolutwert zeigt Stärke des (linearen) Zusammenhangs
  • Korrelation ≠ Kausation — Vorsicht vor Scheinkorrelationen
  • Einschränkung der Spannweite kann Korrelationen künstlich abschwächen

Literaturhinweise

  • Kaplan (2009) — unorthodoxe, geometrische Herangehensweise an Korrelation und Regression
  • Poldrack (2023) — modernes, frei online verfügbares Statistikbuch
  • Cohen et al. (2003) — Klassiker, etwas höheren Anspruchs
  • Pearl & Mackenzie (2018) — Scheinkorrelation vs. “echte” Korrelation, mit Wissenschaftsgeschichte

Referenzen

Cohen, J. (1988). Statistical Power Analysis for the Behavioral Sciences. Routledge. http://dx.doi.org/10.4324/9780203771587
Cohen, J., Cohen, P., West, S. G., & Aiken, L. S. (2003). Applied Multiple Regression/Correlation Analysis for the Behavioral Sciences, 3rd Ed. Lawrence Erlbaum.
DenisBoigelot. (2011). English: Redesign File:Correlation_examples.Png Using Vector Graphics (SVG File) [Artwork]. https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15165296
Goren, A., Vaño-Galván, S., Wambier, C. G., McCoy, J., Gomez-Zubiaur, A., Moreno-Arrones, O. M., Shapiro, J., Sinclair, R. D., Gold, M. H., Kovacevic, M., Mesinkovska, N. A., Goldust, M., & Washenik, K. (2020). A Preliminary Observation: Male Pattern Hair Loss among Hospitalized COVID-19 Patients in SpainA Potential Clue to the Role of Androgens in COVID-19 Severity. Journal of Cosmetic Dermatology, 19(7), 1545–1547. https://doi.org/10.1111/jocd.13443
Kaplan, D. T. (2009). Statistical Modeling: A Fresh Approach. CreateSpace. https://dtkaplan.github.io/SM2-bookdown/
Matthews, R. (2000). Storks Deliver Babies (P= 0.008). Teaching Statistics, 22(2), 36–38. https://doi.org/10.1111/1467-9639.00013
Messerli, F. H. (2012). Chocolate Consumption, Cognitive Function, and Nobel Laureates. New England Journal of Medicine, 367(16), 1562–1564. https://doi.org/10.1056/NEJMon1211064
Pearl, J., & Mackenzie, D. (2018). The Book of Why: The New Science of Cause and Effect. Basic Books.
Pearson, K. (1896). VII. Mathematical Contributions to the Theory of Evolution.—III. Regression, Heredity, and Panmixia. Philosophical Transactions of the Royal Society of London. Series A, Containing Papers of a Mathematical or Physical Character, 187, 253–318. https://doi.org/10.1098/rsta.1896.0007
Poldrack, R. A. (2023). Statistical Thinking: Analyzing Data in an Uncertain World. Princeton University Press. https://statsthinking21.github.io/statsthinking21-core-site/