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Schätzen vs. Testen

Sebastian Sauer

Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie …

  • den Unterschied zwischen dem Schätzen von Modellparametern und dem Testen von Hypothesen erläutern
  • Vor- und Nachteile des Schätzens und Testens diskutieren
  • das ROPE-Konzept erläutern und anwenden
  • die Güte von Regressionsmodellen einschätzen und berechnen

Begleitliteratur: Kruschke (2018)

Einstieg

Einstieg: Zwei Arten von Forschungsfragen

  1. “Lernen für die Klausur bringt etwas!” — eine Behauptung
  2. “Wie viel bringt Lernen für die Klausur?” — eine Frage

Einmal Behauptung, einmal Frage — was macht das für einen Unterschied?

Was ist Testen? Was ist Schätzen?

Zwei Arten, Forschungsfragen zu beantworten

  1. Hypothesen testen: “Die Daten widerlegen die Hypothese (nicht)”
  2. Parameter schätzen: “Der Effekt von X auf Y liegt zwischen A und B”

Hypothesen testen: drei mögliche Ergebnisse

Beispiel: “Lernen erhöht den Prüfungserfolg!”

  1. 🟥 Die Daten widersprechen der Hypothese — Ablehnung (Falsifikation)
  2. 🟢 Die Daten unterstützen die Hypothese — Annahme
  3. ❓ Die Datenlage ist unklar — kein Erkenntnisgewinn

Hypothesentests sind binär: Sie führen zu Schwarz-Weiß-Ergebnissen.

Die Nullhypothese

Wichtig

Häufigste Variante: Test der Hypothese “Es liegt kein (null) Effekt vor” — die Nullhypothese, \(H_0\).

Beispiele für Nullhypothesen:

  • “Lernen bringt nichts”
  • “Frauen und Männer parken gleich schnell ein”
  • “Es gibt keinen Zusammenhang von Babies und Störchen”
  • “Bei Frauen ist der Anteil, die Statistik mögen, gleich hoch wie bei Männern”

Vorteil des Hypothesentestens: klares, einfaches Ergebnis — reduziert Komplexität für Entscheidungen.

Popper: Man kann Hypothesen nicht bestätigen

Karl Poppers Falsifikationismus

Hypothesen lassen sich nicht bestätigen (verifizieren), nur falsifizieren (Popper, 2013).

Beispiel \(H\): “Alle Schwäne sind weiß.” Auch viele weiße Schwäne beweisen \(H\) nicht — der eine schwarze Schwan könnte noch fehlen. Aber ein einziger zuverlässig beobachteter schwarzer Schwan widerlegt \(H\).

In der Praxis: Hypothesen werden meist probabilistisch untersucht — komplett sichere Belege wie bei Popper sind selten. Sowohl Bestätigung als auch Widerlegung sind daher (graduell) möglich (Kruschke, 2018; Morey & Rouder, 2011).

Parameter schätzen

Beim Schätzen fragt man wie groß ein Effekt ist — ein “wieviel”, kein “ja/nein”.

Zwei Varianten:

  1. Punktschätzung: ein einzelner Parameterwert (“Best Guess”)
  2. 📏 Bereichsschätzung: ein Bereich plausibler Parameterwerte

Liegt ein bestimmter Wert (z. B. Null) nicht im Schätzbereich, kann man die entsprechende Hypothese verwerfen. Das Hypothesentesten steckt also implizit im Schätzen.

Beispiel: Geschlecht und Pinguingewicht

Die Pinguine

Die Pinguine

Forschungsfrage: Um welchen Wert sind männliche Pinguine im Schnitt schwerer als weibliche?

  • Modell: body_mass_g ~ sex
  • Ergebnis: Punktschätzer ca. 700 g Unterschied
  • 95 %-ETI: ca. 500 g bis 800 g

Parameterschätzung als Nullhypothesentest

Forschungsfrage: Sind männliche Pinguine im Schnitt schwerer als weibliche?

\[H: \mu_M \ge \mu_F \rightarrow d = \mu_M - \mu_F \ge 0\]

  • \(d = 0 \Leftrightarrow \beta_1 = 0\) im Regressionsmodell
  • Anteil der Post-Stichproben mit sexmale > 0: 100 % (4000 von 4000)
  • Also: Modell räumt der Hypothese \(p_H = 1\) ein (in der kleinen Welt des Modells)

Vorteil der Parameterschätzung: nuancierteres Ergebnis, das der Komplexität realer Systeme besser gerecht wird.

ROPE: Bereich von “praktisch Null”

Nullhypothesen sind fast immer falsch

Du testest EXAKTE Nullhypothesen?

Du testest EXAKTE Nullhypothesen?

We do not generally use null hypothesis significance testing in our own work. […] just about every treatment one might consider will have some effect, and no comparison or regression coefficient of interest will be exactly zero. (Gelman et al., 2021)

Alternativen zu Nullhypothesentests

Nullhypothesen wie \(\rho=0\), \(\mu_1=\mu_2\), \(\beta_1=0\) sind streng genommen fast nie exakt wahr. Alternativen:

  • Posteriori-Intervalle (ETI oder HDI) berichten
  • ROPE-Konzept (Kruschke, 2018)
  • Wahrscheinlichkeit inhaltlich bedeutsamer Hypothesen quantifizieren (z. B. \(\beta_1 > 0{,}42\))
  • Probability of direction (pd): Wahrscheinlichkeit für ein positives/negatives Vorzeichen

Definition: ROPE

Definition: ROPE

ROPE (Region of Practical Equivalence) ist ein Bereich um den Nullwert, der als praktisch äquivalent zu Null angesehen wird.

Beispiele:

  • Preisunterschied bis 100 € gilt als “praktisch gleich”
  • Gewichtsunterschied bis 100 g bei Pinguinen als “vernachlässigbar”
  • Umsatzunterschied bis 100k € als “praktisch irrelevant”

ROPE-Entscheidungsregel

Nach Kruschke (2018):

  • Großteil der Post-Verteilung liegt innerhalb des ROPE \(\rightarrow\) Annahme der “praktisch kein Effekt”-Hypothese
  • Großteil liegt außerhalb des ROPE \(\rightarrow\) Ablehnung dieser Hypothese
  • Sonst \(\rightarrow\) keine Entscheidung — Datenlage uneindeutig

“Großteil” = per Default das 95 %-HDI der Posteriori-Verteilung.

ROPE-Grenzen festlegen

  • Die Grenze \(d\) ist subjektiv — geleitet von inhaltlichen Überlegungen
  • Für Regressionskoeffizienten schlägt Kruschke (2018) vor: vernachlässigbarer Effekt = \(\hat{y} = \pm 0{,}1\, sd_y\)

ROPE-Default

Voreinstellung: ROPE-Größe = ±10 % der Standardabweichung der AV.

ROPE visualisiert

Entscheidungsregeln zum ROPE: A verwirft die ROPE-Hypothese, B/C akzeptieren sie, D–F liefern keine klare Entscheidung (Kruschke, 2018)

Entscheidungsregeln zum ROPE: A verwirft die ROPE-Hypothese, B/C akzeptieren sie, D–F liefern keine klare Entscheidung (Kruschke, 2018)

Rope berechnen: Pinguinarten

Modell: body_mass_g ~ species (Referenz: Adelie)

  • Chinstrap: beträchtlicher Anteil der Post-Verteilung liegt im ROPE \(\rightarrow\) ROPE-Hypothese kann nicht verworfen werden — unklare Datenlage
  • Gentoo: 0 % im ROPE \(\rightarrow\) ROPE-Hypothese wird verworfen — substanziell schwerer als Adelie

ROPE-Grenzwert hier: ±80 g (10 % der SD der AV)

Rope-Werte visualisiert

Rope und HDI überlappen bei Chinstrap, aber nicht bei Gentoo Parameterdarstellung mit ROPE-Band

  • Chinstrap: ROPE durchkreuzt die Verteilung deutlich — HDI liegt nicht komplett im ROPE \(\rightarrow\) keine klare Entscheidung
  • Gentoo: liegt weit außerhalb des ROPE-Bands \(\rightarrow\) substanzieller Unterschied zu Adelie

Finetuning des ROPE

Die ROPE-Grenzen lassen sich anpassen, z. B. auf ±200 g:

ROPE mit eigener Grenze von ±200 g

ROPE mit eigener Grenze von ±200 g

Auch das Kredibilitätsintervall ist wählbar (z. B. 89 % statt 95 %).

Modellgüte

Wozu Modellgüte?

  • Man möchte wissen, wie belastbar die Ergebnisse eines Modells sind
  • Kennwerte der Modellgüte schätzen die Präzision der Modellaussagen
  • Ein Modell kann aus mehreren unterschiedlich präzisen Parameterschätzungen bestehen \(\rightarrow\) zusammenfassender Kennwert hilfreich
  • Gebräuchliche Kennzahl: \(R^2\)

Modellgüte mit \(R^2\)

  • \(R^2\) gibt den Anteil der Gesamtvarianz der AV an, den das Modell erklärt
  • Höhere Werte \(\rightarrow\) das Modell erklärt die Daten besser
  • Klassisches \(R^2\): nur ein Punktschätzer — Ungewissheit bleibt unberücksichtigt
  • Bayes-\(R^2\): liefert eine ganze Post-Verteilung von \(R^2\)

Post-Verteilung von R² im Modell m_penguins_species

Post-Verteilung von R² im Modell m_penguins_species

\(R^2\) und \(\sigma\)

  • \(R^2\) und \(\sigma\) sind negativ assoziiert: hohes \(R^2\) \(\leftrightarrow\) geringes \(\sigma\)
  • Beide Kennwerte dienen demselben Zweck: Abschätzung der Modellgüte
  • Bayesianisch: nicht nur ein Punktschätzer, sondern ein Schätzbereich für \(R^2\)

Fazit

Schätzen oder Testen: Ein Résumé

  • Hypothesentests sind aktuell verbreiteter, aber die Parameterschätzung hat wichtige Vorzüge (Nuanciertheit, Präzisionsangabe)
  • Wer dennoch (aus Anschlussfähigkeit an bestehende Forschung) einen Nullhypothesentest möchte: das ROPE-Verfahren bietet eine sinnvolle Brücke zwischen beiden Ansätzen

Vielen Dank!

Fragen?

Gelman, A., Hill, J., & Vehtari, A. (2021). Regression and Other Stories. Cambridge University Press.
Kruschke, J. K. (2018). Rejecting or Accepting Parameter Values in Bayesian Estimation. Advances in Methods and Practices in Psychological Science, 1(2), 270–280. https://doi.org/10.1177/2515245918771304
Morey, R. D., & Rouder, J. N. (2011). Bayes Factor Approaches for Testing Interval Null Hypotheses. Psychological Methods, 16(4), 406–419. https://doi.org/10.1037/a0024377
Popper, K. (2013). Logik Der Forschung (H. Keuth, Hrsg.). Akademie Verlag. https://doi.org/10.1524/9783050063782