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Einfache lineare Modelle

Sebastian Sauer

Einstieg

Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie …

  • das Zusammenspiel von Apriori-Verteilungen und linearem Modell zur Berechnung der Likelihood erläutern
  • die Post-Verteilung für einfache lineare Modelle in R berechnen
  • zentrale Informationen (Lage-, Streuungsmaße, Schätzintervalle) aus der Post-Verteilung eines Regressionsmodells herauslesen

Orientiert an McElreath (2020), Kap. 4.4.

Überblick

  • Modell: Körpergröße vorhergesagt durch Gewicht (!Kung-Datensatz)
  • Neu ggü. Frequentistischer Regression (lm): Die drei Parameter \(\beta_0\), \(\beta_1\), \(\sigma\) haben jetzt eine Post-Verteilung
  • Frequentistisch: nur Punktschätzer pro Parameter
  • Bayes: eine ganze Verteilung pro Parameter — informationsreicher

Den Datensatz verstehen

Der Datensatz: !Kung-Leute

  • Datei Howell1a.csv (McElreath, 2020)
  • Nur Erwachsene (Alter > 18)
  • Variablen u. a.: height (Größe), weight (Gewicht), age, male

Verteilung der numerischen Variablen im !Kung-Datensatz

Verteilung der numerischen Variablen im !Kung-Datensatz

Explorative Datenanalyse (EDA)

  • Nicht zwingend nötig für die Bayes-Regression, aber hilfreich zum Datenverständnis
  • Keine fehlenden Werte im Datensatz
  • age rechtsschief; height und weight eher symmetrisch/normalverteilt
  • height bimodal — vermutlich Mischung der Geschlechter
  • Etwas mehr Männer als Frauen im Datensatz

Zusammenhänge in den Daten

Korrelationsmatrix der numerischen Variablen

Korrelationsmatrix der numerischen Variablen

Starke Zusammenhänge zwischen Größe und Gewicht sowie zwischen Geschlecht und Größe/Gewicht.

Gewicht und Größe: linearer Zusammenhang

  • Regression prüft, inwieweit zwei Variablen \(Y\) und \(X\) linear zusammenhängen
  • Je stärker der Zusammenhang, desto besser lässt sich \(X\) zur Vorhersage von \(Y\) nutzen
  • Zusammenhang \(\neq\) Kausalität
  • Linear: Zuwachs in \(Y\) relativ zu \(X\) ist konstant — steigt \(X\) um 1 Einheit, steigt \(Y\) um \(b\) Einheiten

Gewicht (X) und Größe (Y)

Zusammenhang zwischen Gewicht und Größe

Zusammenhang zwischen Gewicht und Größe

Deutlicher linearer Zusammenhang: je schwerer, desto größer.

Prädiktor zentrieren

  • Zentrieren: von jedem Wert den Mittelwert abziehen — \(x_i - \bar{x}\)
  • Ergebnis: weight_c (c wie centered)

Warum zentrieren?

Mit zentriertem Prädiktor gibt der Achsenabschnitt \(\beta_0\) die Größe einer Person mit durchschnittlichem Gewicht an — sonst wäre es die (unsinnige) Größe bei Gewicht = 0. Vgl. Gelman et al. (2021), Kap. 10.4, 12.2.

Zentrieren — visualisiert

Zentrieren verschiebt die Verteilung, ändert aber nicht ihre Form

Zentrieren verschiebt die Verteilung, ändert aber nicht ihre Form

Der Mittelwert von weight_c liegt danach bei 0.

Modell m_kung_gewicht_c: zentrierter Prädiktor

Modellidee: drei Parameter zusammen

Wie Achsenabschnitt, Steigung und Streuung die Likelihood definieren

Wie Achsenabschnitt, Steigung und Streuung die Likelihood definieren

Vorhergesagte Größen als Normalverteilungen

Körpergrößen (AV) hängen vom Gewicht (UV) ab; um \mu herum liegt eine Normalverteilung mit Streuung \sigma

Körpergrößen (AV) hängen vom Gewicht (UV) ab; um \(\mu\) herum liegt eine Normalverteilung mit Streuung \(\sigma\)

Modelldefinition m_kung_gewicht_c

Definition: Modelldefinition m_kung_gewicht_c

\[\begin{align*} \color{red}{\text{height}_i} & \color{red}\sim \color{red}{\operatorname{Normal}(\mu_i, \sigma)} && \color{red}{\text{Likelihood}} \\ \color{green}{\mu_i} & \color{green}= \color{green}{\beta_0 + \beta_1\cdot \text{weightcentered}_i} && \color{green}{\text{Lineares Modell}} \\ \color{blue}{\beta_0} & \color{blue}\sim \color{blue}{\operatorname{Normal}(178, 20)} && \color{blue}{\text{Priori}} \\ \color{blue}{\beta_1} & \color{blue}\sim \color{blue}{\operatorname{Normal}(0, 10)} && \color{blue}{\text{Priori}}\\ \color{blue}\sigma & \color{blue}\sim \color{blue}{\operatorname{Exp}(0.1)} && \color{blue}{\text{Priori}} \end{align*}\quad \square\]

Likelihood lesen

\[ \color{red}{\text{height}_i} \sim \operatorname{Normal}(\mu_i, \sigma) \]

  • Jetzt ein Index \(i\) an \(\mu\) und \(h\): nicht mehr ein Mittelwert, sondern pro Beobachtung ein \(\mu_i\)

“Die Wahrscheinlichkeit, eine bestimmte Größe \(h\) bei Person \(i\) zu beobachten, gegeben \(\mu\) und \(\sigma\), ist normalverteilt.”

Das lineare Modell lesen

\[ \color{green}{\mu_i} = \beta_0 + \beta_1\cdot \text{weightcentered}_i \]

  • \(\mu\) wird jetzt deterministisch berechnet, nicht geschätzt
  • \(\beta_1\): Unterschied in height bei einer Einheit Unterschied in weight (Steigung)
  • \(\beta_0\): Wert von \(\mu\), wenn weight_c = 0 (Achsenabschnitt)

“Der vorhergesagte mittlere Wert der Körpergröße, \(\mu_i\), berechnet sich als Summe von \(\beta_0\) und \(\beta_1 \cdot \text{weight}_i\).”

Priori-Verteilungen des Modells

\[ \begin{aligned} \beta_0 &\sim \operatorname{Normal}(178, 20) && \text{Priori Achsenabschnitt} \\ \beta_1 &\sim \operatorname{Normal}(0, 10) && \text{Priori Regressionsgewicht}\\ \sigma &\sim \operatorname{Exp}(0.1) && \text{Priori Sigma} \end{aligned} \]

  • \(\beta_1\): schwach informativ — im Schnitt kein Zusammenhang, aber auch starke positive/negative Werte plausibel
  • Zahl der Prioris = Zahl der Modellparameter

Die Post-Verteilung befragen

Ein “meinungsstärkeres” Modell

  • Modell m_kung_starkes_beta1: andere Priori für \(\beta_1\)

\[\beta_1 \sim N(5,3); \quad \beta_0 \sim N(178, 20); \quad \sigma \sim E(0.1)\]

  • Im Schnitt: 5 cm Unterschied in Größe pro 1 kg Unterschied im Gewicht — deutlich “meinungsstärker” als zuvor

Hinweis

seed fixiert die Zufallszahlen für reproduzierbare Ergebnisse (Konvention hier: 42).

Definition: Effektwahrscheinlichkeit (pd)

Definition: Effektwahrscheinlichkeit

Die Kennzahl pd (probability of direction) gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Effekt positiv bzw. negativ ist (je nachdem, ob der Median des Effekts positiv oder negativ ist). Sie sagt nichts über die Effektstärke aus — nur ob der Effekt klar auf einer Seite der Null liegt. Grob vergleichbar mit dem p-Wert der Frequentistischen Statistik (Makowski et al., 2019).

Effektwahrscheinlichkeit visualisiert

Probability of Direction für m_kung_starkes_beta1

Probability of Direction für m_kung_starkes_beta1
  • Rhat, ESS: Diagnosekennzahlen der Stichprobenziehung — bei einfachen Modellen i. d. R. unproblematisch

Post-Verteilung befragen: die Bausteine

  • Post-Verteilung = viele Stichproben zu \(\beta_0\), \(\beta_1\), \(\sigma\)
  • parameters(modell): Zusammenfassung der Post-Verteilung
  • as_tibble(modell): Rohe Stichproben als Tabelle
  • Ergebnis für m_kung_starkes_beta1: \(\beta_1\) (Steigung) liegt etwa zwischen 0.8 und 1.0 cm Größe pro kg Gewicht

Die “mittlere” Regressionsgerade

Regressionsgerade auf Basis der Post-Verteilung (Median von \beta_0, \beta_1)

Regressionsgerade auf Basis der Post-Verteilung (Median von \(\beta_0\), \(\beta_1\))

Post-Verteilung des Regressionsgewichts

Post-Verteilung für den zentrierten Gewichts-Parameter

Post-Verteilung für den zentrierten Gewichts-Parameter
  • Mittelwert, Median und Modus (MAP) liegen eng beieinander

Post-Verteilung von Sigma

Post-Verteilung von sigma

Post-Verteilung von sigma
  • Interessant: Die Post-Verteilung von \(\sigma\) ist normalverteilt, obwohl die Apriori-Verteilung exponentialverteilt war — die Daten haben den Prior “überstimmt”

Ungewissheit sichtbar machen

  • Regressionsgeraden aus einzelnen Stichproben der Post-Verteilung übereinandergelegt
  • 10 Stichproben → breites Band; 1000 Stichproben → dichtes, informatives Band um die wahrscheinlichste Gerade

Regressionsgeraden aus 1000 Stichproben der Post-Verteilung

Regressionsgeraden aus 1000 Stichproben der Post-Verteilung

Erwartungswert mit Unsicherheitsband

Regressionsgerade mit Unsicherheitsintervall (estimate_expectation)

Regressionsgerade mit Unsicherheitsintervall (estimate_expectation)

Fragen an die Post-Verteilung: Quantile

Typische Fragen an den (zentrierten) Achsenabschnitt:

  • Welche mittlere Größe wird mit 50 %, 90 %, 95 % Wahrscheinlichkeit nicht überschritten?
  • Welche mittlere Größe wird mit 95 % Wahrscheinlichkeit nicht unterschritten?
  • Von wo bis wo reicht der innere 50 %-Schätzbereich (ETI)?

Hinweis

Statt eines 95 %-Intervalls wird teils ein 90 %- oder 89 %-Intervall empfohlen (bessere numerische Stabilität).

Fragen an die Post-Verteilung: Wahrscheinlichkeitsmassen

  • Wie wahrscheinlich ist es, dass die mittlere Größe mindestens 155 cm beträgt?
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass die mittlere Größe höchstens 154.5 cm beträgt?

Beantwortbar durch einfaches Auszählen der Stichproben aus der Post-Verteilung (Anteil erfüllt Bedingung).

Post-Verteilung bedingt auf einen Prädiktorwert

Post-Verteilung für jeden Gewichtswert

  • Für jeden beliebigen Wert des Prädiktors lässt sich eine eigene Post-Verteilung von \(\mu\) berechnen
  • Beispiel: Wie groß ist eine Person (im Mittel) bei Gewicht 45 kg? Bei 50 kg?

A: Ausgewählte Gewichtswerte im Modell. B: Bedingte Post-Verteilung für jeden Gewichtswert

A: Ausgewählte Gewichtswerte im Modell. B: Bedingte Post-Verteilung für jeden Gewichtswert

Beispiel: \(\mu\) bei Gewicht = 45 kg

  • 45 kg entspricht dem Mittelwert von weightweight_c = 0

Post-Verteilung der Größe bei einem Gewicht von 45 kg

Post-Verteilung der Größe bei einem Gewicht von 45 kg

Beispiel: \(\mu\) bei Gewicht = 50 kg

  • 50 kg = 5 über dem Mittelwert → weight_c = 5
  • mu_at_50 = (Intercept) + 5 * weight_c

Post-Verteilung der Größe bei einem Gewicht von 50 kg — weiter rechts als bei 45 kg

Post-Verteilung der Größe bei einem Gewicht von 50 kg — weiter rechts als bei 45 kg

Lagemaße und Streuungen der bedingten Post-Verteilung

  • 90 %-ETI für \(\mu | w = 50\): ca. 159 cm bis 160 cm
  • 95 %-Quantil für \(\mu | w = 45\): welche Größe wird mit 95 % nicht überschritten?

Dieselben Werkzeuge (Quantile, ETI/HDI, Auszählen) funktionieren für jede bedingte Post-Verteilung.

Fazit

Zusammenfassung

  • Lineares Modell + Priori-Verteilungen \(\rightarrow\) Post-Verteilung für \(\beta_0\), \(\beta_1\), \(\sigma\)
  • Zentrieren des Prädiktors macht \(\beta_0\) leichter interpretierbar
  • Die Post-Verteilung lässt sich für jeden Prädiktorwert befragen: Lage, Streuung, Quantile, Wahrscheinlichkeitsmassen
  • Mehr Information als Punktschätzer der Frequentistischen Regression

Vertiefende Literatur

  • McElreath (2020), Kap. 4: vertiefte Darstellung linearer Bayes-Modelle
  • Kurz (2021): Tidyverse-Umsetzung der Inhalte von McElreath (2020)
  • Gelman et al. (2021): Regressionsanalyse frequentistisch und Bayes

Vielen Dank!

Fragen?

Gelman, A., Hill, J., & Vehtari, A. (2021). Regression and Other Stories. Cambridge University Press.
Kurz, S. (2021). Statistical Rethinking with Brms, Ggplot2, and the Tidyverse: Second Edition. https://bookdown.org/content/4857/
Makowski, D., Ben-Shachar, M. S., Chen, S. H. A., & Lüdecke, D. (2019). Indices of Effect Existence and Significance in the Bayesian Framework. Frontiers in Psychology, 10. https://www.frontiersin.org/article/10.3389/fpsyg.2019.02767
McElreath, R. (2020). Statistical Rethinking: A Bayesian Course with Examples in R and Stan (2. Aufl.). Taylor and Francis, CRC Press.