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Rechnen mit Wahrscheinlichkeit

Sebastian Sauer

Rechnen mit Wahrscheinlichkeit

Lernziele: Sie können …

  • die Grundbegriffe der Wahrscheinlichkeitsrechnung erläuternd definieren
  • typische Relationen (Operationen) von Ereignissen anhand von Beispielen veranschaulichen
  • mit Wahrscheinlichkeiten rechnen

Überblick

  • Wann addiert man Wahrscheinlichkeiten zweier Ereignisse?
  • Wann multipliziert man sie?
  • Was bedeutet (Un-)Abhängigkeit zweier Ereignisse?

Klingt wild — ist aber oft ganz einfach.

Additionssatz

Additionssatz — Beispiel

  • Würfelwurf: Wahrscheinlichkeit für eine gerade Zahl, \(A=\{2,4,6\}\)?
  • \(Pr(\text{gerade Zahl}) = 1/6 + 1/6 + 1/6 = 3/6 = 1/2\)

Gezinkter Würfel mit \(Pr(\text{6}) = 1/3\): Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, keine 6 zu würfeln? — \(2/3\)

Vereinigung von Ereignissen: Additionssatz

Addition disjunkter Ereignisse

  • \(\Omega = \{1,2,3,4,5,6\}\) beim Würfelwurf
  • Gesucht: \(Pr(A)\) für \(A=\{1,2\}\)
  • 1 und 2 sind disjunkt: wirft man eine 1, hat man keine 2 geworfen

\[Pr(1 \cup 2) = \frac{1}{6} + \frac{1}{6} = \frac{2}{6}\]

Definition: Additionssatz für disjunkte Ereignisse

Definition: Additionssatz für disjunkte Ereignisse

Die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens eines der beiden Ereignisse eintritt, ist die Summe der Einzelwahrscheinlichkeiten.

\[Pr(A \cup B) = Pr(A) + Pr(B)\]

Beispiel: An einem Samstag oder Sonntag geboren zu sein: \(Pr(A) = 1/7 + 1/7 = 2/7\)

Addition allgemeiner (nicht-disjunkter) Ereignisse

  • Bei nicht disjunkten Ereignissen wird der Schnitt \(A \cap B\) bei einfacher Addition doppelt gezählt
  • Der Überlappungsbereich muss daher abgezogen werden

Der allgemeine Additionssatz

Der allgemeine Additionssatz

Definition: Allgemeiner Additionssatz

Definition: Allgemeiner Additionssatz

Die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens eines der beiden Ereignisse \(A\) und \(B\) eintritt, ist gleich der Summe ihrer Wahrscheinlichkeiten minus ihrer gemeinsamen Wahrscheinlichkeit.

\[Pr(A \cup B) = P(A) + P(B) - P(A\cap B)\]

Beispiel: Lernen und Klausur bestehen

Daten von 100 Studis (Statistik 1 und 2 bestanden, B, oder nicht, N):

S1_B S1_NB Summe
S2_B 85 9 94
S2_NB 5 1 6
Summe 90 10 100

Mindestens eine der beiden Klausuren bestehen:

\[Pr(A) = Pr(S_1B) + Pr(S_2B) - Pr(S_1B \cap S_2B) = \frac{90+94-85}{100} = \frac{99}{100}\]

Bedingte Wahrscheinlichkeit

Bedingte Wahrscheinlichkeit: Definition

Definition: Bedingte Wahrscheinlichkeit

Die bedingte Wahrscheinlichkeit ist die Wahrscheinlichkeit, dass \(A\) eintritt, gegeben dass \(B\) schon eingetreten ist.

  • Schreibweise: \(Pr(A|B)\)
  • Lies: “A gegeben B” oder “A wenn B”

Illustration: unbedingte, gemeinsame, bedingte Wahrscheinlichkeit

Pr(A): 50 %

\(Pr(A)\): 50 %

Pr(B|A): 50 %

\(Pr(B|A)\): 50 %

\(Pr(A \cap B)\) (auch \(Pr(AB)\)) wird analog dargestellt.

Gemeinsame Wahrscheinlichkeit \(Pr(A \cap B)\)

Beide Ereignisse A und B sind eingetreten: Pr(AB)=1/4

Beide Ereignisse A und B sind eingetreten: \(Pr(AB)=1/4\)

Bedingte Wahrscheinlichkeit — Beispiele

  • \(A\) = “Schönes Wetter”, \(B\) = “Klausur steht an”: \(Pr(A|B)\) ist die Wahrscheinlichkeit für schönes Wetter, wenn eine Klausur ansteht
  • Päpste und Männer: \(Pr(\text{Papst}|\text{Mann}) \ne Pr(\text{Mann}|\text{Papst})\)

Merke: Reihenfolge in der bedingten Wahrscheinlichkeit ist wichtig — \(Pr(A|B) \ne Pr(B|A)\) im Allgemeinen.

Bedingte Wahrscheinlichkeit als Filtern einer Tabelle

  • 4 Tage, jeweils kalt (oder nicht) und Regen (oder nicht)
  • Filtert man auf “kalt”, gibt der Anteil der Zeilen mit “Regen” die bedingte Wahrscheinlichkeit \(Pr(\text{Regen}|\text{kalt})\) an

\[Pr(A) = 2/4;\; Pr(B) = 2/4;\; Pr(A \cap B) = 1/4;\; Pr(A|B) = 1/2\]

Formel: Bedingte Wahrscheinlichkeit

Satz: Bedingte Wahrscheinlichkeit

\[Pr(A|B) = \frac{Pr(A \cap B)}{Pr(B)}\]

Analog gilt: \(Pr(B|A) = \dfrac{Pr(B \cap A)}{Pr(A)}\)

Beispiel: Bestehen ohne Lernen

Daten von 100 Studis (L = gelernt, NL = nicht gelernt):

L NL Summe
B 80 1 81
NB 5 14 19
Summe 85 15 100

\[Pr(B|\neg L) = \frac{Pr(B \cap \neg L)}{Pr(\neg L)} = \frac{1/100}{15/100} = \frac{1}{15} \approx 7\,\%\]

Stochastische (Un-)Abhängigkeit

Warum ist (Un-)Abhängigkeit wichtig?

In Forschung und Alltag oft von Interesse:

  • Lernen und Klausur bestehen
  • Rauchen und Lungenkrebs
  • Impfung und Infektion
  • Werbung und Verkaufserfolg

Unabhängigkeit — Beispiele

  • Regentanz und Regen sind unabhängig
  • “Es regnet in Berlin” und “In Tokio fällt eine Münze auf Kopf”
  • 10× Kopf hintereinander und der nächste Münzwurf (bei fairer Münze)
  • Augenfarbe und Blutgruppe

Unabhängigkeit ist ein Spezialfall von Abhängigkeit: viele Arten von Abhängigkeit, aber nur eine Art von Unabhängigkeit — eine starke Aussage.

Definition: Stochastische Unabhängigkeit

Definition: Stochastische Unabhängigkeit

Zwei Ereignisse sind (stochastisch) unabhängig voneinander, wenn die Wahrscheinlichkeit von \(A\) nicht davon abhängt, ob \(B\) der Fall ist.

\[Pr(A) = Pr(A|B) = Pr(A|\neg B)\]

Setzt man die bedingte Wahrscheinlichkeit ein, folgt:

\[Pr(A \cap B) = Pr(A) \cdot Pr(B)\]

Titanic-Beispiel

Überleben und Passagierklasse sind abhängig

Überleben und Passagierklasse sind abhängig

Überleben und “Alter ist Primzahl” sind unabhängig

Überleben und “Alter ist Primzahl” sind unabhängig
  • Links: \(Pr(Ü|K_1) \ne Pr(Ü|K_2) \ne Pr(Ü|K_3) \ne Pr(Ü)\) — abhängig
  • Rechts: \(Pr(Ü|P) = Pr(Ü|\neg P) = Pr(Ü)\) — unabhängig

Definition: Stochastische Abhängigkeit

Definition: Stochastische Abhängigkeit

Liegt keine Unabhängigkeit vor, spricht man von (stochastischer) Abhängigkeit.

\[Pr(A|B) \ne Pr(A) \ne Pr(A|\neg B)\]

Beispiel: “Lernen” und “Klausur bestehen” sind abhängig — unsere Einschätzung zu \(Pr(K)\) ändert sich, je nachdem ob \(L\) vorliegt oder nicht.

Unabhängigkeit ist symmetrisch

\[Pr(A|B) = Pr(A) \;\leftrightarrow\; Pr(B|A) = Pr(B)\]

Achtung: Stochastische Unabhängigkeit und kausale Unabhängigkeit sind unterschiedliche Dinge (Henze, 2019) — stochastische Unabhängigkeit impliziert nicht kausale Unabhängigkeit.

Wahrscheinlichkeit gemeinsamer Ereignisse: Multiplikationssatz

Multiplikationssatz — gemeinsame Wahrscheinlichkeit

  • Interessiert an der Wahrscheinlichkeit, dass beide Ereignisse \(A\) und \(B\) eintreten
  • Schreibweise: \(A \cap B\) (“A und B”) bzw. \(AB\)

Beispiel Regen/Kälte:

  • \(Pr(K|R)\): Wahrscheinlichkeit für Kälte, gegeben dass es regnet
  • \(Pr(K \cap R)\): Wahrscheinlichkeit, dass es gleichzeitig kalt ist und regnet

Zweifacher Münzwurf: Baumdiagramm

flowchart TD
    A[Start] --1/2--> B1[T]
    A --1/2--> B2[N]
    B1 --1/2--> C1[TT - 1/4]
    B1 --1/2--> C2[TN - 1/4]
    B2 --1/2--> C3[NT - 1/4]
    B2 --1/2--> C4[NN - 1/4]

Knoten = Ergebnisse, Kanten = Wahrscheinlichkeiten, Blätter = Endresultate, Pfad = Weg vom Start zu einem Blatt.

Formel: Multiplikationssatz (unabhängige Ereignisse)

Satz: Multiplikationssatz für unabhängige Ereignisse

\[Pr(A \cap B) = Pr(A) \cdot Pr(B)\]

Symmetrie: \(Pr(A \cap B) = Pr(B \cap A)\)

Beispiel: \(Pr(K_1 \cap K_2) = 1/2 \cdot 1/2 = 1/4\) (2× Kopf bei fairer Münze)

Gemeinsame Wahrscheinlichkeit abhängiger Ereignisse

Urne mit 5 Kugeln (4 rot, 1 blau), Ziehen ohne Zurücklegen:

flowchart LR
  A[Start] -->|4/5|B[Zug 1: A]
  A -->|1/5|C[Zug 1: nA]
  B -->|3/4|D[Zug 2: B]
  B -->|1/4|E[Zug 2: nB]
  D --- H["AB: 4/5·3/4=12/20"]
  E --- I["AnB: 4/5·1/4=4/20"]
  C -->|4/4|F[Zug 2: B]
  C -->|0/4|G[Zug 2: nB]
  F --- J["nAB: 1/5·4/4=4/20"]
  G --- K["nAnB: 0/20"]

\[Pr(A\cap B) = P(A) \cdot P(B|A) = 4/5 \cdot 3/4 = 3/5\]

Formel: Gemeinsame Wahrscheinlichkeit (allgemein)

Satz: Gemeinsame Wahrscheinlichkeit

Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei abhängige Ereignisse \(A\) und \(B\) gemeinsam eintreten, ist das Produkt der Wahrscheinlichkeit von \(A\) und der bedingten Wahrscheinlichkeit von \(B\) gegeben \(A\).

\[Pr(A \cap B) = Pr(A) \cdot Pr(B|A)\]

Bei Unabhängigkeit vereinfacht sich das zu \(Pr(A) \cdot Pr(B)\).

Kettenregel

Definition: Kettenregel

Man spricht von der Kettenregel, wenn man die gemeinsame Wahrscheinlichkeit auf die bedingte zurückführt.

\[Pr(A\cap B) = P(A) \cdot P(B|A) = P(B) \cdot P(A|B)\]

Beispiel: Bertie Botts Bohnen

  • 20 Bohnen, davon 2 “scheußlich”; 2 Bohnen ziehen (ohne Zurücklegen)
  • Gesucht: genau eine scheußliche Bohne

graph LR
    A[Start: 20 Bohnen] -- 18/20 --> B1[Bohne 1 gut]
    A -- 2/20 --> B2[Bohne 1 schlecht]
    B1 -- 2/19 --> C2[Bohne 2 schlecht]
    B2 -- 18/19 --> C3[Bohne 2 gut]

  • Pfad 1 (schlecht, dann gut) + Pfad 2 (gut, dann schlecht) = Wahrscheinlichkeit für genau eine schlechte Bohne ≈ 19 %

Totale Wahrscheinlichkeit

Totale Wahrscheinlichkeit — Beispiel

3 Maschinen produzieren einen Artikel (Anteil 60/10/30 %), mit Ausschussquote 5/2/4 %.

flowchart LR
  A[Start] -->|0.6|B[M1]
  A -->|0.1|C[M2]
  A -->|0.3|D[M3]
  B -->|0.05|E[S]
  B -.->|0.95|F[Nicht-S]
  C -->|0.02|G[S]
  C -.->|0.98|H[Nicht-S]
  D -->|0.04|I[S]
  D -.->|0.96|J[Nicht-S]

Totale Wahrscheinlichkeit — Rechnung

Anteile von Produktion und Ausschuss

Anteile von Produktion und Ausschuss

\[Pr(S') = 0.6 \cdot 0.05 + 0.1 \cdot 0.02 + 0.3 \cdot 0.04 = 0.044 = 4{,}4\,\%\]

Formel: Totale Wahrscheinlichkeit

Satz: Totale Wahrscheinlichkeit

Bilden die Ereignisse \(M_1, M_2, \dots, M_n\) ein vollständiges Ereignissystem und ist \(S\) ein beliebiges Ereignis, dann gilt:

\[Pr(S') = \sum_{i=1}^n Pr(M_i) \cdot Pr(S|M_i)\]

In Worten: Die totale Wahrscheinlichkeit ist die Summe der gewichteten Teil-Wahrscheinlichkeiten.

Zusammenfassung

  • Additionssatz: \(Pr(A \cup B) = Pr(A) + Pr(B) - Pr(A\cap B)\) (“mindestens eines von A, B”)
  • Bedingte Wahrscheinlichkeit: \(Pr(A|B) = \dfrac{Pr(A \cap B)}{Pr(B)}\)
  • (Un-)Abhängigkeit: \(Pr(A) = Pr(A|B)\) bei Unabhängigkeit
  • Multiplikationssatz / Kettenregel: \(Pr(A \cap B) = Pr(A) \cdot Pr(B|A)\) (“beide von A, B”)
  • Totale Wahrscheinlichkeit: gewichtete Summe über ein vollständiges Ereignissystem

Vielen Dank!

Fragen?

Henze, N. (2019). Stochastik: Eine Einführung mit Grundzügen der Maßtheorie: Inkl. zahlreicher Erklärvideos. Springer Berlin Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-59563-3